Nachruf Geoff Maitland, 1924-2010
Auch der svomp würdigt das Lebenswerk von Geoff D. Maitland
Betroffen, aber dankbar nimmt die Physiowelt Abschied von einer der prägendsten Persönlichkeiten der Manuellen Therapie, Geoff Maitland (1924-2010). Im Januar erreichte uns die Nachricht, dass Geoffrey Douglas Maitland verstarb. Der svomp nimmt Anteil, kondoliert seiner Familie und schliesst sich dem Nachruf der IMTA in dankbarem Gedenken an.
Nachruf G.D.Maitland
Fast genau ein Jahr nach dem Tode seiner Frau Anne ist Geoff Maitland am 22.Januar 2010 in Adelaide gestorben. Die Nachricht seines Todes hat uns als Dozentengruppe sehr berührt. Unser Beileid gilt seiner Familie.
Geoffrey Douglas Maitland wurde 1924 in Adelaide, Australien geboren. Während des Zweiten Weltkrieges diente er in der australischen Luftwaffe in Grossbritannien. Dort lernte er seine Frau Anne kennen, die in den folgenden Jahren eine wichtige Rolle für seine Entwicklung als Autor und Lehrer spielen sollte. Von 1946 bis 1949 liess er sich als Physiotherapeut ausbilden. 1951 wurde er zum klinischen Tutor an der South Australian School of Physiotherapy ernannt. 1961 wurde er von einem Stipendium ausgezeichnet. Dies ermöglichte ihm, mit seiner Frau Anne auf Studienreise zu gehen. Er besuchte Osteopathen, Chiropraktiker, Ärzte und Physiotherapeuten, von denen er gehört oder gelesen hatte. Mit einigen von ihnen hatte er in vorhergehenden Jahren korrespondiert. In London führte er interessante Diskussionen und einen regen klinischen Austausch mit James Cyriax und dessen Team. Auf dieser Reise begann seine Freundschaft mit Gregory P.Grieve.
Nach seiner Studienreise kam es zu einer enormen beruflichen Entwicklung. Seine Ideen zu sanften passiven Mobilisationen, die Gründung des weltweit ersten post-graduierten Kurses in manipulativer Physiotherapie am South Australian Institute of Technology und die Publikation seiner ersten Fachbücher ( „Vertebral Manipulation“ 1964 und „Peripheral Manipulation“ 1970) fallen in diese Zeit.
Seine Bücher gehören heute zu den Bestsellern in der Physiotherapie. Sie wurden mehrfach neu aufgelegt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.In diesen beiden Büchern beschrieb G.D. Maitland eines der ersten Modelle für den Clinical Reasoning Prozess in der Physiotherapie. Immer wieder betonte er die Notwendigkeit eines tiefen und breiten theoretischen Wissens, um die klinische Praxis zu unterstützen. Im Zentrum seiner Arbeit stand die Hinwendung zum Patienten und das Bewusstsein, dass die Persönlichkeit des Menschen einen wesentlichen Einfluss auf die Behandlung hat. Nebst seinen Büchern verfasste Geoff Maitland zahlreiche Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften. Seine Untersuchungs- und Behandlungstechniken gelten heute in vielen klinischen Studien als Standard. Refrerenzen zu seinen Publikationen sind in fast allen aktuellen physiotherapeutischen Veröffentlichungen zu finden.
Ein entscheidender Punkt für die Weiterentwicklung seiner Ideen hin zu dem, was wir heute als Maitland®Konzept nennen, fand in der Schweiz statt.1978 folgte G.D.Maitland einer Einladung von Dr.Zinn und Gisela Rolf in die Hermitagge, einem Studienzentrum für Physiotherapeuten in Bad Ragaz. Der erste dreiwöchige Kurs war ein internationales Ereignis, an dem Therapeuten aus aller Welt teilnahmen.Durch die Begegnungen in der Hermitage nahm die Entwicklung des Kurssystems ihren Anfang. Ab 1984 wurden die ersten Instruktoren ausgebildet und die Vermittlung des Konzeptes konnte europaweit ausgedehnt werden. Die ersten fünf Therapeuten unterrichteten ab 1988 selbständig. Nachdem sich die Gruppe in den folgenden Jahren weiter vergrösserte, tauchten Gedanken auf, wie man sich organisieren könnte. 1992 kam es zur offiziellen Vereinsgründung der International Maitland Teachers Association (IMTA). G.D.Maitland als Gründungsmitglied und erster Präsident übertrug der Gruppe das Recht, als Einzige seinen Namen für Unterrichtszwecke zu gebrauchen. Gemeinsam mit der IMTA sicherte er die Weiterentwicklung der konzeptionellen Inhalte und die Lehrerausbildung.
Vor allem durch die Arbeit von weiteren, in Australien tätigen Physiotherapeuten, besteht sein Lebenswerk fort. So hat Mark Jones die Denkweise und das analytische Vorgehen des Konzeptes übernommen und ergänzt und daraus ein strukturiertes, evidenzbasiertes Clinical Reasoning Konzept entwickelt. Bob Elvey udn David Butler haben Geoffs Ideen über neuromenigeale Strukturen weitergeführt und unser Wissen und die Fähigkeiten im Umgang mit Nervengewebe und Schmerzmechanismen beträchtlich erweitert.
Sein enormes Engagement für unseren Beruf zeigte sich auch durch seine Mitarbeit in zahlreichen Organisationen. 1974 war er involviert in die Gründung der International Federation of Orthopaedic Manipulative Physical Therapy (IFOMPT), der Fachgruppe für Manuelle Therapie innerhalb des WCPT. Zahlreiche Auszeichnungen verdeutlichen die internationale Wertschätzung seiner Arbeit innerhalb unserer Berufsgruppe.
All das drückt aber nicht aus, was wir duch die persönliche Begegnung mit Geoff Maitland erfahren und gelernt haben. Während der Kurse herrschte eine Atmosphäre gegenseitiger Akzeptanz und ein Gefühl, eine grosse Familie zu sein. Anne und Geoff waren unzertrennlich, verbunden durch einen gelebten christlichen Glauben und einem Bedürfnis, für andere Menschen da zu sein. Anne war während seiner Vorträge immer anwesend, kümmerte sich einerseits um das Wohlergehen der Kursteilnehmer und gab andererseits ihrem Ehemann ein faires Feedback. Seine Fähigkeit zur Eigenreflexion führte dazu, dass er sich ständig verbessern und weiterentwickeln konnte. Zusammen bildeten sie ein grossartiges Team. Trotz seiner grossen Errungenschaften in der Physiotherapie ist er immer ein bescheidener Mensch gelbieben. Seine Haltung gegenüber Patienten drückte Wertschätzung und Empathie aus. Als gutem Zuhörer entging ihm keine Nuance im Gespräch mit seinen Patienten und kein Aspekt der nonverbalen Kommunikation.
Wir verlieren mit Geoff Maitland einen Vordenker, Visionär und eine grosse Persönlichkeit. Wie kein anderer hat er unseren beruflichen Werdegang geprägt, wir werden ihn als grosses Vorbild und persönlichen Mentor in Erinnerung behalten.
Der Präsident und die Mitglieder der International Maitland Teachers Association (IMTA),
deren Worten der svomp sich hiermit anschliesst.